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Finden Sie Ihren Weg im Eisacktal

Eine Burg und ihre Seele

Terese Gröber - die Trostburg-Tresl

Terese Gröber hat ihr ganzes Leben auf der Trostburg bei Waidbruck verbracht. Die Grafen hat sie wegziehen sehen, und die Touristen kommen. Eine Burgherrin der ganz besonderen Art. 

Terese Gröber hat keinen Adelstitel. Aber sie wird Trostburg-Tresl genannt, weil sie jedes ihrer vierundsechzig Lebensjahre auf der Trostburg verbracht hat, einer Hangburg über Waidbruck. Trostburg-Tresl ist ein Name, der einem nicht angeboren ist, man muss ihn sich erarbeiten. Seit sie denken kann, versorgt sie das Vieh, bestellt das Land um die Burg, teils noch mit dem Werkzeug ihrer Urgroßeltern. Sie ist die letzte Bewohnerin der 700 Jahre alten Burg, man kann behaupten, dass die Burg und die Tresl einander brauchen. Die Arbeit hat Hornhaut auf ihren Händen und Lachfalten um ihre Augen hinterlassen, sie strahlt innere Ruhe aus wie eine Yogalehrerin. Und ihr gehört der letzte Schlüssel zur Burg.
 
Die Trostburg ist ein Postkartenmotiv, außen mit hellem Kalk verputzt, Ziegeldächer, die Fensterläden rotweiß, in der Mitte ein quadratischer Turm, der Bergfried, mit Erker und Bronzekugel auf der Dachspitze. Tresl sitzt auf der Holzbank neben dem eisenbeschlagenen Eingangstor und sagt: „Jeder Mensch hat seinen Platz auf der Welt. Meiner ist hier“. Die letzten Grafen von Wolkenstein-Trostburg sind vor über vierzig Jahren weggezogen, weil das Geld knapp wurde. Tresl erinnert sich an den Abschied, sie war zwanzig damals und traurig. Wie schön die Gräfin Maria erzählen konnte! Von Rom, vom Meer, von München. Tresl kennt die Welt nur durch die Erzählungen der Gräfin Maria. Sie selbst war nie fort.
 
Heute gehört die Trostburg dem Südtiroler Burgeninstitut, einer privaten Kulturstiftung, die jedes Jahr rund 200.000 Euro in die Trostburg steckt. Neues Dach, Wände verputzen, Schutt aus den Kellern räumen. Ohne das Burgeninstitut wäre die Trostburg eine Ruine. Aber ohne Tresl wäre sie nur eine von achthundert Burgen, Schlössern und Ansitzen
in Südtirol. Sie muss dem Institut keine Miete zahlen, dafür kümmert sie sich um Heuernte, Obstanbau, Wein, Kartoffeln, dazu das Vieh, die Rösser und seit einigen Jahren: die Touristen. Sie wandern gern auf die Trostburg, ein zwanzigminütiger Aufstieg über altes Katzenkopfpflaster mit Spurrinnen der Pferdefuhrwerke. Dreimal pro Tag führt Tresl Besucher über die Burg. Die erste Führung ist um elf, da ist sie schon seit sechs Stunden wach, hat Kühe gefüttert, Gras gesichelt, Butter gemacht. Sie hat pünktlich zur Führung ihre grobkarierte Arbeitskleidung gegen eine blaue Festtagsbluse mit feinerem Karo getauscht. Die Besucher tragen Funktionskleidung, teure Uhren und staubige Sandalen, sie kommen, um Fotos vom prunkvollen Rittersaal zu machen, von der Burgkapelle mit ihren Deckengemälden oder von der größten Weinpresse Südtirols, einer so genannten Torggl.
 
Wann trifft man schon eine echte Burgherrin? Noch dazu eine, die das Leben der Grafen noch selbst erlebt hat und gerne davon erzählt? Tresl wundert sich, warum Besucher ihr Leben spannender finden als die Kassettendecke im Prunksaal mit ihren Applikationen aus Zirbelholz. „Ich wohne doch einfach nur hier”, sagt sie dann. Der Präsident des Burgeninstituts, Carl-Philipp Baron Hohenbühel, nennt Terese Gröber „Die gute Seele der Burg“. Seele, das stimmt. Denn nur die Seele bleibt bis zum Schluss. Tresl hat ihre Eltern hier bis zum Ende gepflegt, ihre fünf Geschwister hat sie verabschieden müssen, als sie nach und nach weggeheiratet wurden. Heiratsanträge  für Tresl hatte es genug gegeben, man sieht, dass sie ein hübsches Mädchen war, dazu fleißig und gläubig. Aber dann hätte sie zum Mann auf den Hof gemusst. „Das geht doch nicht, wer ist denn dann auf der Burg?” fragt sie.
 
„Ich bin nur Verwalterin“, sagt sie, hier aufgewachsen, ja sicher, aber ihre Räume sind am Rande der Burg, Südflügel, nahe am Stall. Die restliche Burg gehört der Grafenfamilie, auch wenn sie lange fort ist. Die zweite Führung an diesem Tag, zu jedem Raum fällt Tresl etwas ein, da an der Wand sind noch die Brandspuren der Fackeln, dort ist die Kapelle, sie ist dem heiligen Antonius Abt geweiht, dem Schutzpatron der Haustiere. Sie kennt die Wappen der Trostburger, weiß, warum der Dichterkomponist Oswald von Wolkenstein, dessen Vorfahren hier lebten, nur ein Auge hat. Wenn es die steilen Treppen hinauf geht, greifen alle nach dem Geländer, nur die Trostburg-Tresl nicht.
 
Text: Till Krause
Bilder: Kiril Semkov 


Der Beitrag entstand im Rahmen des „Südtirol Medienpreis“. Mit diesem Preis fördern die Agentur Südtirol Marketing (SMG) und die Stiftung Südtiroler Sparkasse jährlich junge Talente aus den Bereichen Journalismus, Fotografie und Social Media.

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Südtiroler Burgenmuseum Trostburg

Die Trostburg oberhalb von Waidbruck ist eine der imposantesten Schlossanlagen des Landes. Sie wurde Ende des 12. Jh. errichtet und im 17. Jh. zu einer widerstandsfähigen Festung umgebaut. Besonders sehenswert sind die repräsentativen Innenräume mit einem der schönsten Renaissancesäle Südtirols sowie eine Ausstellung von 80 Modellen von Südtiroler Burgen.
 
Besichtigung nur mit Führung von Gründonnerstag bis Ende Oktober, jeweils Dienstag bis Sonntag um 11, 14 und 15 Uhr; im Juli und August auch um 10 und 16 Uhr
        
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