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Günther Pernthaler beim Essen mit seiner FamilieGünther Pernthaler beim Essen mit seiner Familie
Villnösser Brillenschaf, Günther Pernthaler...beim Schafe hüten
Wörndle Loch Alm im Dolomitental VillnössGünther lebt im Sommer mit seiner Familie auf der Wörndle Loch Alm im Dolomitental Villnöss
Villnösser Geisler im Naturpark Puez-GeislerVillnösser Geisler im Naturpark Puez-Geisler

Der Botschafter des Brillenschafs

Gütnher Pernthaler

[...] Im Südtiroler Villnößtal leben etwa 500 Tiere einer Rasse, die es eigentlich gar nicht mehr geben sollte: Brillenschafe. Bereits im 18. Jahrhundert haben die Villnösser dafür heimische Landschläge mit Bergamaskerschafen und Paduaner-Seidenschafen gekreuzt. Das Brillenschaf ist Südtirols älteste Schafrasse.

Ein paar Tiere schauen neugierig hinter den Bäumen hervor. Eigentlich sehen sie aus wie normale Schafe, nur die Beine sind ein bisschen staksiger und die Nase ist zur Abwehr gerundet wie ein Boxhandschuh. Um ihre Augen tragen sie dicke schwarze Ringe im weißen Fell, als hätten sie allesamt schlecht geschlafen. Die Pigmentierung wird „Brille" genannt. Auch die Spitzen der Ohren sind schwarz eingefärbt, als hätten sie beim Grasen im Match gehangen. [...] Die Tiere sind [...] vom Aussterben bedroht, mittlerweile kraxeln aber wieder etwa 1500 Brillenschafe über die Bergwiesen Südtirols. Dass es die Rasse noch gibt, liegt an den Menschen hier. Weil sie sich nicht einfach etwas wegnehmen lassen. Weil sie ihre kulturelle Identität wahren wollen. Und weil sie Helden im Kleinen sind. „Pampalo, sesesesey", ruft Günther Pernthaler seinen Schafen entgegen, die mit wackelnden Ohren aus dem Wald traben. „Mein Großvater und ein paar andere Bauern haben die Schafe damals auf den Almen versteckt und heimlich weitergezüchtet", sagt er und greift einem Tier mit einer Brille, so dick, als hätte es mindestens 9,5 Dioptrien, in die drahtige Wolle. Auf die entlegenen Bergwiesen in über 2000 Meter Höhe sei niemand hochgestiegen, um nach dem verbotenen Brillenschaf zu suchen.

Dass die Zahl der Tiere wieder steigt, ist auch der Verdienst von Günther Pernthaler. Egal, wen man im Dorf nach den Brillenschafen fragt, alle verweisen auf ihn. Seine Freunde nennen ihn „Moar", Maier war der traditionelle Hofname seiner Familie. „Der Moar ist ein Heller. Der weiß alles über das Brillenschaf", sagt Willi, der LKW-Fahrer. „Und ein Guter ist er auch, der hält hier alles zusammen", sagt ein Mann, der in der Dorfverwaltung arbeitet und sich als Gemeinde-Hubi vorstellt.

Kürzlich ist ein Lamm auf einer der Bergweiden verloren gegangen und in einer Felsspalte stecken geblieben. Ohne Hilfe wäre es verhungert. Die Geschichte kennt jeder im Dorf. Pernthaler hat sich 80 Meter tief abgeseilt, um das Schaf aus dem Felsen zu ziehen. Ganz ruhig hat er auf das Tier eingeredet, pampalo, sesey. Eine falsche Bewegung und das Schaf wäre vor Schreck in den Tod gesprungen. Er hat sich schließlich auf das Tier geschmissen, es mit beiden Armen fest umklam-mert und aus der Spalte befreit. „Bei so was rufen sie immer mich", sagt Pernthaler mit seiner ruhigen Stimme, als ginge es darum, Grußworte beim Neujahrskonzert der Blaskapelle zu sprechen und nicht darum, für ein Schaf sein Leben zu riskieren.

Wer Günther Pernthaler im Sommer zu Hause besuchen will, braucht entweder einen Geländewagen oder stramme Waden. Vier Monate lang zieht er sich jedes Jahr mit seiner Frau und den vier Kindern auf eine Alm zurück, die man nur über einen steilen Bergpfad erreicht. Am Horizont recken die neun Felsen des Geislers ihre Spitzen in den Himmel. Es ist das bekannteste Motiv der Dolomiten, der typi-sche Südtirol-Anblick. Reinhold Messner, gebürtiger Villnösser, hat hier das Klettern gelernt. Auch davon kann jeder Dorfbewohner erzählen. Eineinhalb Stunden nach Beginn des Aufstiegs hat man eine Höhe von 2142 Metern über dem Meeres-spiegel und ein kleines Holzhaus erreicht. Die Sonne verabschiedet sich von Villnöß und nimmt den Tag mit sich. Eine rot-weiße Südtirol-Fahne schwingt sich temperamentvoll um den Mast, es riecht nach gemähtem Gras und frisch gebackenem Brot.

Günther Pernthaler – 42 Jahre alt, hochgewachsen, Vollbart – ist der Verbandsvertreter für das Villnösser Brillenschaf in Südtirol, er ist Zuchtvater und Botschafter. Er trägt einen Alm-Öhi-Hut aus Filz, Cordhose und Hosenträger mit Edelweiß, Symbol für Kühnheit und Ausdauer. Pernthaler hat Agrarökonomie studiert und anschließend in Milchlaboren gearbeitet. Schnell war ihm klar, dass er in die Natur und nicht vor die Zentrifuge gehört. Seit 1996 ist er Zuchtwart im Tal. Jeden Tag steht er um sechs Uhr auf, melkt die Kühe, frühstückt mit seiner Familie. Jonas, sein ältester Sohn, sagt: „Wenn ich groß bin, züchte ich auch Schafe wie der Papa." Nach dem Frühstück fährt Pernthaler ins Tal, klammert Kälbern und Lämmern Kennzeichen in die Ohrläppchen, führt Buch über den Bestand. Südtirol sei die einzige Provinz in Europa, in der es noch den Beruf des Zuchtwarts gebe, „wir halten daran fest", sagt Pernthaler.

Die Richtlinien für die Brillenschaf-Zucht haben Pernthaler und die anderen Züchter sich selbst gesetzt. Von anderen lassen die Südtiroler sich auch nicht gerne etwas vorschreiben. Bei ihrem Einsatz für die Tierart geht es nicht nur darum, das Überleben einer Rasse zu sichern. Die Einwohner berufen sich gerne auf ihre Wurzeln. „Meine Vorfahren haben viel riskiert, um das Brillenschaf zu erhalten", sagt Pernthaler. In einer Region, in der zwei Kulturkreise so eng zusammenleben wie in Südtirol, will man sich verorten. „Man braucht halt etwas Eigenes, zu dem man steht." Das Eigene ist das Brillenschaf und das lobt man in dem 2500-Einwohner-Dorf in den höchsten Tönen. Die Tiere seien „robust und trittsicher", das ist wichtig auf den Steilen Hängen der Dolomiten. Außerdem sei das Fleisch „besonders schmackhaft". [...]

Am nächsten Morgen steigt Pernthaler in seinen Geländewagen und macht sich auf den Weg ins Tal. Es gibt Ärger mit dem Sommerhirten. Luis lebt vier Monate lang auf einer einsamen Bergalm und bewacht die Brillenschafe verschiedener Züchter. Nun hat er sich beschwert. Zu viele Wanderer und Besucher verschlage es auf den Gipfel. Luis will seine Ruhe, früher sei ja auch niemand zu ihm hochgekommen. Auch bei so etwas wird der Pernthaler gerufen. Er soll den Hirten und auch die Schafe beruhigen, pampalo sesey.

Er denke oft darüber nach, wie man Villnöß schützen könne, sagt Pernthaler. Gerade haben er und ein paar Viehzüchter einen neuen Verein gegründet. Der Zusammenschluss „Graues Geisler Rind" hat festgelegt, dass nur noch graue Kühe aus Villnöß das Gras auf den Almen des Tales fressen dürfen und keine Rinder mehr aus anderen Teilen Südtirols. Die heimischen Weiden mit ihren würzigen Bergkräutern seien schließlich besonders nahrhaft und verliehen dem Fleisch der Rinder wie auch dem der Brillenschafe eine hohe Qualität. „Wir müssen die Heimat für unsere Kinder und für unsere Tiere erhalten", sagt Pernthaler und lenkt energisch seinen Geländewagen über den Schotterweg hinunter ins Tal.

Text: Eva Lindner
Bilder:  Sebastian Cunitz


Der Beitrag entstand im Rahmen des „Südtirol Medienpreis“. Mit diesem Preis fördern die Agentur Südtirol Marketing (SMG) und die Stiftung Südtiroler Sparkasse jährlich junge Talente aus den Bereichen Journalismus, Fotografie und Social Media.
 
Villnösser BrillenschafVillnösser Brillenschaf

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Teilnehmerreportage beim Südtiroler Medienpreis 2013

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