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Finden Sie Ihren Weg im Eisacktal
Manuela KererManuela Kerer

Der junge Geist trägt Lederhose

Das Eisacktal und die Blasmusik

Südtirol gehört den Senioren, ist eine heile, konservative Welt. So will es das Vorurteil. Ja, es ist dort furchtbar traditionell. Dennoch: In der autonomen Provinz lebt ein junger, wilder Geist. Manchmal versteckt er sich gut. Etwa in einer Blaskapelle.

Er tarnt sich mit einem Meer wippender Hahnenfedern. Oder versteckt sich hinter goldenem Blech, aus dem eine Polka stampft. Dort blinzelt er hinter einem Trachtenmieder hervor. Und gähnt nach dem letzten Ton eines Walzers, um gleich mit höchster Konzentration zum Marsch zu blasen. Der junge Geist Südtirols. Ein Geist, der anderswo längst pensioniert wäre - hier aber mitten im Leben steht. Lässig, sexy, unpolitisch ist, Fagott und Waldhorn spielt. Und all dies geschieht an einem Sonntagmorgen in aller Herrgotts Früh. Doch erst zum Auftakt – 36 Stunden vorher in einem Zimmer direkt über der Feuerwehrgarage von Schabs.

Der Feind Fussball
In diesem 859-Seelendorf, eingeschlossen zwischen den Flüssen Rienz und Eisack, liegt der Proberaum der Schabser Musikkapelle. Von jeder Wand posaunt hier die Kameradschaft. Gruppenfotos, stramm gestanden, neben Schnappschüssen in Tracht. Sorgfältig eingerahmt. Aus einer hellholzigen Vitrine lachen Brautpaare. Auf einem Tablar daneben stehen die Todesanzeigen. Einer für alle. Alle für einen. Da fehlt auch die Disziplin nicht.

Bereits an der Eingangstüre schmettert sie einem entgegen. Dort kleben drei Balkendiagramme, halten, als hänge davon der Übertritt ins Gymnasium ab, jede Abwesenheit des 55-köpfigen Ensembles fest. Für den Schabser Kapellmeister Stephan Obexer ist klar: „Da geats um mea als um die Musig.“ Viel wichtiger sei das Zusammensein, der Verein. Mit Brille, kariertem Hemd, Jeans und Puma-Sneakers sieht der 28-Jährige aus, als würde er gleich einen Abendkurs für Betriebswirtschaft leiten. Obexer arbeitet jedoch tagsüber als technischer Angestellter. Nach seinem Feierabend schwingt er bis zu drei Mal die Woche den Taktstock. Wenn er die ersten Töne seiner Kapelle hört, fühlt er sich „wia erholt“. Die Musikkapelle Schabs zählt zu den jüngsten in Südtirol. Das Durchschnittsalter der Musikantinnen und Musikanten liegt bei 23 Jahren. Vor Obexer dudeln sie nun ihr Blech und Holz warm. Junge Erwachsene, die man freitags um 20 Uhr eher in einer Bar als vor den Noten eines „Abba-Medleys“ vermutet.

Eine Mahlzeit ohne Knödel
Touristen loben es als Folklore. Doch in Wahrheit ist es für zahllose Südtiroler das wichtigste Hobby: die Blaskapelle. Seit dem 18. Jahrhundert ist ihre Musik besonders bei der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung in Südtirol verankert. In den 1920er Jahren brachten die Faschisten das Vereinsleben zum Erliegen, fundamental gingen sie gegen das Kulturgut in der autonomen Provinz Italiens vor. Erst die Nachkriegszeit hauchte dem Brauchtum neues Leben ein. Zu dieser Zeit wurde der Verband Südtiroler Musikkapellen (VSM) gegründet. Mittlerweile zählt dieser 211 Ensembles, nahezu doppelt so viele wie Südtirol Gemeinden hat. Über die Hälfte der Bläserinnen und Bläser sind gemäß Verband unter 30-jährig. Die Musikschulen, im ganzen Land verteilt, bilden 80 Prozent der Jungmusikanten aus. Und wie Obexer in stolzem Dialekt erzählt, platzen diese Schulen aus allen Nähten. Glücklich sei, wer sich dort einen Platz ergattere.

Beim Verband spricht zwar niemand von einem Kapellen-Boom. Tatsache aber ist: Während anderswo traditionelle Vereine kränkeln, muss man sich in Südtirol bei den Kapellen nicht um Nachwuchs sorgen. Als Tourist glaubt man bald: Wer jung ist und mit der deutschsprachigen Kultur Südtirols aufwächst, der musiziert. Der trommelt Polkas, trompetet Märsche und opfert seine Wochenenden für ein Ständchen an Schützenfesten, Bankeinweihungen, Messen. Es wird einem versichert: Ein Anlass ohne Musikkapellen-Einlage ist wie ein Traditionsgericht ohne Knödel. Doch Kapellmeister Stephan Obexer mahnt: „Einen Feind gibt’s aber.“ Nicht die Schützen, nicht die Feuerwehr, die beiden anderen wichtigen Vereine in Südtirol. Es ist der Fussball. Dabei sage er den Jungen stets: „Zum Toaschiass'n bisch irgndwann amoll z'alt.“ Nicht aber für die Musik. Und als sei es der Ertrag für Obexers unermüdliches Werben, haut ein knapp Zwölfjähriger in der hintersten Reihe angestrengt auf die Trommel – im Trikot der deutschen Nationalelf. Der junge Geist Südtirols ist traditionell, nicht aber verstaubt.

Zwei Stunden später beginnt das Carabinieri-Schild gegenüber des Schabser Probelokals zu flackern. Die Nacht schleicht sich gleichsam mit der symphonischen Filmmusik von „Beauty and the Beast“ über die Wiesen heran. Im Raum riecht es nach warmem Holz, nach Schweiss. Stephan Obexer nippt an einem Bier und schlägt zum Zweivierteltakt. Hinter ihm hängt ein Blatt Papier am Holzschrank und weist auf das nächste Konzert hin. Am Sonntagmorgen. Ein Schützenverein wird 50jährig. Noch sitzen nicht alle Übergänge. Das Ohr leidet. Mit ihm der gekreuzigte Jesus Christus an der Wand.

Familientreffen
Einer der weiß, wie hart die Wochenenden sein können, ist Felix Pfeifer, 28- jährig und Tubist. „Du kannst machen, was du willst, doch am Sonntagmorgen wird nicht gemurrt.“ Das habe ihm sein Vater gesagt, wenn er lieber das Kopfkissen zerwühlt hätte als sich in Tracht stürzen. Felix’ Freundin bläst in der Schabser Kapelle – er selber hilft dort aus, wenn das Register nicht vollzählig ist. Als Musikstudent braucht er das gängige Repertoire eines Ensembles nicht zu proben. Er kann es im Schlaf. Wie er so in der Gelateria in der nahen Stadt Brixen über den Tassenrand lächelt, sieht man in Felix eher einen Typen, der das junge, wilde Leben lebt. Keinesfalls einen, der seine Freizeit in einer Dorfkapelle verbringt. Doch Felix sagt: Das Musizieren gehöre nicht nur zur Tradition, sondern drücke ganz einfach die Südtiroler Lebensfreude aus. „Die Blasmusik ist in den Leuten drin.“  Pfeifer wird gar sozialromantisch: „Die Kapelle ermöglicht den jungen Menschen ein stabiles Umfeld.“ Klar, man sei stolz auf die Heimat, doch ganz bestimmt nicht rechts. Auch die Tracht trügen er und seine Mitmusikanten „nicht etwa aus ideologischen Gründen“. Sondern weil „ein Mechaniker auch den Overall anzieht, wenn er arbeiten geht.“ Und Pfeifer räumt weiter auf mit Vorurteilen: Die Lieder habe man längst entstaubt.

Zwar stünden immer noch Märsche auf dem Programm, aber statt Volksmusik spiele man heute vor allem moderne Blasmusik, Filmmusik oder zeitgenössische Stücke von Alfred Reed. Früher, erzählt der Tubaspieler, sei die Musikkapelle der einzige Weg gewesen, um von den Eltern wegzukommen. Er schmunzelt ob seiner Worte: Heute spielt außer seiner Mutter die ganze Familie in der gleichen Kapelle.

„Gesunder Fanatismus.“ So nennt die ebenfalls 28-jährige Manuela Kerer die Begeisterung der Südtiroler für ihre Blasmusik. Manuela spielt in keiner Kapelle, dennoch ist die Musik ihr Leben. Die Brixnerin ist gepierct, trägt hohe Stiefel, einen kurzen Rock und entschuldigt sich für ihre Ausbildung. Es stellt sich heraus, dass sie Komposition und Geige abgeschlossen hat, und gleich noch Psychologie und Jura, allesamt im Hauptfach. Zurzeit schreibt Manuela an zwei Dissertationen gleichzeitig.

„Doch meine Leidenschaft gehört der Komposition.“ Auch in ihren Augen lacht der junge Südtiroler Geist entgegen. Manuela ist nach eigenen Angaben die einzige Südtiroler Komponistin, die „zeitgenössische, ernste Musik“ schreibt. Das tut sie ab und an auch für Kapellen. Das Niveau unter den Ensembles sei in den letzten Jahren extrem gestiegen, der Konkurrenzkampf riesig, sagt Manuela. Der Ehrgeiz wurde so groß, dass die Kapellen einen Marsch oft nur noch als Zugabe gespielt haben. Kerer hat auch schon die Schabser Kapelle beglückt. Statt Musicalmelodien mussten die Musikanten „klopfen, schnauben oder auf Steinen spielen.“ Das irritierte erst die Bläser, dann das Publikum. Doch Manuela bleibt zuversichtlich. „Die Südtiroler hinken Berlin oder Paris halt hinter her.“ Beim ersten Mal seien die Leute erstaunt, ob der neuen Töne, später begeistert. Denn: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

Das Land, dem sie Treue halten
Beim Schützenfest am Sonntagmorgen verhüllt sich der junge Geist. Um neun Uhr früh versammeln sich Hunderte von Menschen in Trachten nahe einem Kloster. Sie wirken dabei wie Komparsen eines Tiroler Heimatfilmes.Die Musikanten der Schabser Blaskapelle sind nicht wieder zu erkennen: Die Frauen tragen Mieder, tanndunkel wie die umliegenden Hügelleiber, geranienrot wie die Blüten auf den Fenstersimsen. Dreckiggelbe Hüte. Die Männer haben ihre Jeans durch eine kurze Lederhose mit breitem Gurt getauscht und könnten einen Reiseprospekt zieren. Die Vereine defilieren zum Kloster, wo der Priester den Schützen für ihr „standhaftes Bekenntnis für Glaube und Heimat“ dankt. Die Schabser betrachten derweil ihre Schnürsenkel.

Nach der Predigt füllt sich der Festplatz neben dem Kloster, wo sich unsere Musikanten im Halbkreis auf einer Bühne aufreihen. Hinter Stephan Obexer wippen die weißen Hahnenfedern auf den Hüten der Schützen. Der Kapellmeister verbeugt sich und hebt dann seine Hände als hielte er gleich die zweite Predigt dieses jungfräulichen Morgens. Dann schlägt er zum Takt.

Auf den Tischen schäumt das Bier. In der großen Stadt würde sich der junge Geist zu dieser Tageszeit nochmals im Bett umdrehen. Im Südtirol bläst er nun die roten Wangen der Musikanten auf. Bis die feierlichen Klänge gleichsam mit dem Duft von gegrilltem Hähnchen über die Menschenmenge wabern. Die Bässe rütteln an den Klostermauern, an den Reben, wecken die verschlafenen Täler, hämmern den Refrain in die Landschaft. „Du bist das Land, dem ich Treue halte, weil du so schön bist mein Tirolerland“, so der Text. Das Stück, das die Schabser zum Besten bringen, ist ein Blasmusik-Hit.
Und bei den Jugendlichen im Südtirol ein sehr beliebter Klingelton fürs Handy.

Text: Samira Zingaro
Bilder: Alexandra Demenkova


Der Beitrag entstand im Rahmen des „Südtirol Medienpreis“. Mit diesem Preis fördern die Agentur Südtirol Marketing (SMG) und die Stiftung Südtiroler Sparkasse jährlich junge Talente aus den Bereichen Journalismus, Fotografie und Social Media.
 

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Teilnehmerreportage beim Südtiroler Medienpreis 2008

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